Elif wohnt seit zwei Jahren in Zürich, in einer kleinen Zweizimmerwohnung im Kreis 4. Sie ist 31 Jahre alt, hat dunkle, lockige Haare und lacht gern, auch wenn sie müde ist. Und müde ist sie oft: Sie arbeitet in einem Callcenter in Altstetten, wo sie den ganzen Tag Anrufe von unzufriedenen Kunden entgegennimmt.
Ihre Kollegin Nadia, die neben ihr sitzt, ist das Gegenteil von ihr: ruhig, ordentlich und immer pünktlich. „Du bist zu gut für diesen Job“, sagt Nadia oft. „Du sprichst drei Sprachen und kannst Probleme lösen, die sonst niemand versteht.“
An einem Dienstagmorgen sitzt Elif im Tram 3 und scrollt durch die Stellenanzeigen. Plötzlich bleibt sie bei einer Anzeige hängen: Die Firma Velotec in Winterthur, die Leihvelos in der ganzen Schweiz anbietet, sucht eine Kundenberaterin. Gesucht wird eine Person, die selbstständig arbeitet, gern Kontakt mit Menschen hat und Deutsch, Englisch und Türkisch spricht.
„Das bin ja ich!“, denkt Elif. Wenn sie diese Stelle bekäme, würde sie mehr verdienen und endlich etwas Sinnvolles machen. Am Abend schreibt sie ihren Lebenslauf neu und formuliert ein Motivationsschreiben, das sie dreimal korrigiert. Um Mitternacht klickt sie auf „Senden“.
Am nächsten Morgen findet sie zwei Nachrichten. Die erste ist eine E-Mail von Velotec: eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Die zweite liegt in ihrem Briefkasten – ein eingeschriebener Brief von ihrem Vermieter, Herrn Brunner. Elif öffnet ihn mit zitternden Händen.