Sechs Jahre sind vergangen, seit Elif an jenem Abend am Rheinufer die Stelle bei der Stadt Basel angenommen hat. Das damals heftig umstrittene Modell mit Lieferfenstern und Lastenvelos gilt inzwischen als Erfolg, über den sogar ausländische Delegationen berichten. Vielleicht deshalb hat man sie im Frühling nach Bern geholt: Seit dem ersten April leitet Elif im Bundesamt für Raumentwicklung eine neu geschaffene Sektion, die eine nationale Strategie für die städtische Güterlogistik erarbeiten soll.
Ihr Büro im vierten Stock bietet einen Blick auf die Aare, doch zum Hinausschauen bleibt kaum Zeit. Schon am zweiten Tag legt ihr Stellvertreter, Reto Hänni, ein seit Jahren im Amt tätiger Jurist mit trockenem Humor, einen dicken Ordner auf den Tisch. „Der von der Vorgängerin hinterlassene Entwurf“, sagt er. „Sprachlich, sagen wir, ambitioniert.“
Elif blättert und stösst auf Sätze wie: „Die durch den seit Jahrzehnten stetig zunehmenden Onlinehandel verursachte Mehrbelastung der innerstädtischen Verkehrsinfrastruktur ist von den betroffenen Gemeinwesen nicht länger allein zu tragen.“ Sie lacht. „Das ist korrekt, aber wer soll das lesen?“ Reto zuckt mit den Schultern. „Die Verwaltung. Und die Verwaltung liest alles.“
Doch der Entwurf ist nicht nur ein stilistisches Problem. Er geht von einer Gesellschaft aus, die es so nicht mehr gibt: Vollzeitstellen, fünf Arbeitstage, Pendlerspitzen am Morgen und am Abend. Dabei experimentieren inzwischen zahlreiche Unternehmen mit der Vier-Tage-Woche, und immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus und lassen sich Pakete ins Homeoffice liefern. Die Verkehrsströme haben sich verschoben, die Spitzen sind flacher, dafür ist der Lieferverkehr in den Wohnquartieren rund um die Uhr spürbar.
„Wir fangen neu an“, entscheidet Elif. Reto hebt eine Augenbraue, nickt aber. Am Abend sitzt sie im Zug nach Basel, wo ihre Familie noch wohnt, und notiert Fragen in ihr Heft. Wer trägt die Kosten? Wer profitiert? Und wie bringt man Kantone, Städte, Wirtschaft und Bevölkerung an einen Tisch, ohne dass am Ende ein von allen akzeptiertes, aber völlig wirkungsloses Papier entsteht?