Rund ein Drittel der Pflegefachpersonen in der Schweiz verlässt den Beruf innerhalb weniger Jahre nach dem Abschluss. Die Pflegewissenschaftlerin Sabine Huber, die an einer Fachhochschule zu Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen forscht, erklärt im Interview, woran das liegt und was sich ändern müsste.
Frau Huber, nach der Annahme der Pflegeinitiative war die Hoffnung gross, dass sich die Lage rasch verbessern würde. Ist das eingetreten? – «Nur zum Teil. Die Ausbildungsoffensive, die als erster Schritt umgesetzt wurde, zeigt durchaus Wirkung; die Zahl der Studierenden ist gestiegen. Der zweite Teil der Initiative, der die Arbeitsbedingungen betrifft, kommt hingegen nur schleppend voran. Und genau dort liegt das Kernproblem. Es nützt wenig, mehr Leute auszubilden, wenn ein erheblicher Teil von ihnen nach kurzer Zeit wieder aussteigt. Das ist, als wolle man eine Badewanne füllen, ohne den Stöpsel einzusetzen.»
Was sind die Hauptgründe für die vielen Berufsausstiege? – «Am häufigsten werden die unregelmässigen Arbeitszeiten und die kurzfristigen Dienstplanänderungen genannt. Viele Pflegende erfahren erst wenige Tage im Voraus, wann sie arbeiten müssen, und werden an freien Tagen angerufen, um für erkrankte Kolleginnen einzuspringen. Wer Kinder hat oder Angehörige betreut, kann so kaum planen. Hinzu kommt eine moralische Belastung, die oft unterschätzt wird: Pflegende wissen sehr genau, was gute Pflege wäre, können sie aber wegen Personalmangels häufig nicht leisten. Dieses ständige Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, zermürbt.»
Wäre eine bessere Bezahlung nicht die einfachste Lösung? – «Der Lohn spielt eine Rolle, keine Frage, vor allem in den ersten Berufsjahren und im Vergleich zu anderen Branchen mit ähnlich langer Ausbildung. Unsere Befragungen zeigen aber, dass er nicht an erster Stelle steht. Wer einzig auf höhere Löhne setzt, ohne die Arbeitsorganisation zu verändern, wird das Problem nicht lösen. Verlässliche Dienstpläne, ausreichende Personalschlüssel und mehr Mitsprache bei der Gestaltung der Arbeit wiegen für viele schwerer.»
Gibt es Betriebe, die es besser machen? – «Durchaus. Einige Spitäler haben sogenannte Springerpools eingerichtet, also Teams, die gezielt für kurzfristige Ausfälle bereitstehen und dafür besser entschädigt werden. Andere ermöglichen ihren Mitarbeitenden, ihre Dienste weitgehend selbst zu planen. Die Erfahrungen sind ermutigend: Die Fluktuation sinkt, die Zufriedenheit steigt. Das zeigt, dass vieles auf Ebene der einzelnen Institution möglich wäre, auch ohne auf Bern zu warten.»
Was wünschen Sie sich von der Politik? – «Dass sie Pflege nicht länger als Kostenfaktor, sondern als tragende Säule der Gesundheitsversorgung betrachtet. Pflege ist kein Beruf, den man nebenbei macht. Wenn wir wollen, dass Menschen ihn ein Leben lang ausüben, müssen die Rahmenbedingungen dies auch ermöglichen.»