Die Frage, wann Kinder in der Deutschschweiz mit dem Erlernen einer zweiten Landessprache beginnen sollen, gehört zu den Dauerbrennern der Bildungspolitik. Seit der Harmonisierung der obligatorischen Schule, die zwei Fremdsprachen in der Primarstufe vorsieht, wird in regelmässigen Abständen darüber gestritten, ob Französisch bereits ab der dritten Klasse unterrichtet werden soll oder ob ein späterer Einstieg sinnvoller wäre. Die wissenschaftliche Evidenz, auf die sich beide Lager berufen, ist dabei weniger eindeutig, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt.
Zwar gilt die Annahme, dass jüngere Kinder Sprachen müheloser erwerben, im Alltagsverständnis als gesichert. Diese Beobachtung bezieht sich jedoch in erster Linie auf den sogenannten natürlichen Spracherwerb, also auf Kinder, die über Jahre hinweg intensiv mit einer Sprache in Kontakt kommen, etwa in einer zweisprachigen Familie. Im schulischen Kontext, wo zwei oder drei Lektionen pro Woche zur Verfügung stehen, verhält es sich anders: Mehrere Langzeitstudien deuten darauf hin, dass ältere Lernende den Rückstand eines späteren Beginns innert weniger Jahre weitgehend aufholen, da sie über ausgeprägtere kognitive Strategien verfügen.
Daraus den Schluss zu ziehen, der frühe Fremdsprachenunterricht sei verfehlt, wäre allerdings voreilig. Fachleute betonen, dass sich sein Nutzen nicht allein an messbaren Kompetenzen bemesse. Ein früher Kontakt könne Neugier wecken, Hemmungen abbauen und ein positives Verhältnis zur anderen Sprachregion begünstigen – Faktoren, die in einem viersprachigen Land von staatspolitischer Bedeutung seien. Entscheidend sei vielmehr die Qualität des Unterrichts, insbesondere die sprachliche Sicherheit der Lehrpersonen und der Einsatz handlungsorientierter Methoden.
Genau hier offenbaren sich jedoch die Schwachstellen der gegenwärtigen Praxis. Erhebungen zeigen, dass ein Teil der Primarlehrpersonen ihre eigenen Französischkenntnisse als unzureichend einschätzt und sich entsprechend unsicher fühlt. Zudem fehlt es vielerorts an Austauschprogrammen, die einen authentischen Gebrauch der Sprache ermöglichen würden. Klassenreisen in die Romandie oder Partnerschaften mit Schulen im Jura bleiben die Ausnahme, obwohl entsprechende Förderangebote des Bundes durchaus existieren. Wird Französisch in erster Linie als Prüfungsfach mit Vokabeltests erlebt, droht die erhoffte Motivation in ihr Gegenteil umzuschlagen.
Für die bildungspolitische Diskussion ergibt sich daraus eine unbequeme Erkenntnis: Der Streit um das richtige Einstiegsalter lenkt womöglich von den eigentlich relevanten Stellschrauben ab. Ob Kinder mit acht oder elf Jahren beginnen, scheint weniger ins Gewicht zu fallen als die Frage, wie gut sie unterrichtet werden und ob sie die Sprache als lebendiges Kommunikationsmittel erfahren. Investitionen in die Weiterbildung der Lehrpersonen und in Begegnungen über die Sprachgrenze hinweg dürften sich deshalb mehr auszahlen als eine erneute Verschiebung im Lehrplan.