Ihr Bericht über die Volksinitiative für einen allgemeinen Bürgerdienst hat bei mir zwiespältige Gefühle ausgelöst, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Die Initiative verlangt bekanntlich, dass künftig alle jungen Menschen, unabhängig vom Geschlecht, einen Dienst zugunsten der Allgemeinheit leisten – sei es in der Armee, im Zivilschutz, im Zivildienst oder in anderen gemeinnützigen Bereichen wie der Pflege oder dem Umweltschutz. Ihr Kommentator bezeichnet das Anliegen als «sympathisch, aber realitätsfern». Ich halte diese Einschätzung für zu bequem, und zwar aus Gründen, die ich im Folgenden kurz darlegen möchte.
Als ehemaliger Gemeindepräsident einer kleinen Gemeinde im Toggenburg habe ich über viele Jahre erlebt, wie schwierig es geworden ist, Menschen für ein Engagement im Dienst der Allgemeinheit zu gewinnen. Für die Feuerwehr, die Schulbehörde oder den Samariterverein fanden wir immer seltener Freiwillige. Das Milizsystem, auf das wir Schweizerinnen und Schweizer so stolz sind, beruht auf der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ohne dafür in erster Linie entlöhnt zu werden. Diese Bereitschaft fällt nicht vom Himmel; sie will eingeübt und vorgelebt werden, und zwar am besten in jungen Jahren, wenn die eigenen Prioritäten noch nicht festgefügt sind.
Ein Bürgerdienst könnte genau hier ansetzen. Junge Menschen würden während einiger Monate Einblick in Lebenswelten erhalten, mit denen sie sonst kaum in Berührung kämen: Die angehende Juristin betreut Bewohner eines Altersheims, der Informatiklehrling hilft beim Unterhalt von Wanderwegen. Solche Erfahrungen stärken, so bin ich überzeugt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt weit wirksamer als jede Imagekampagne. Zudem käme die Initiative der Gleichstellung zugute, da sie eine Pflicht, die bisher nur Männer betrifft, auf alle ausweitet.
Gleichwohl teile ich einige der Bedenken, die in Ihrem Beitrag geäussert wurden. Die Verdoppelung der dienstpflichtigen Personen würde erhebliche organisatorische und finanzielle Mittel erfordern, und es ist zu klären, wie verhindert werden kann, dass Dienstleistende regulären Arbeitskräften, etwa in der Pflege, Konkurrenz machen und so Lohndruck entsteht. Auch die Frage, ob eine Pflicht der richtige Weg ist, um Gemeinsinn zu fördern, lässt sich nicht leichthin beantworten. Erzwungenes Engagement kann, wie wir aus der Erfahrung wissen, auch Widerwillen erzeugen.
Dennoch scheint mir die Debatte zu wertvoll, um sie mit dem Etikett «realitätsfern» abzutun. Selbst wenn die Initiative in ihrer jetzigen Form an der Urne scheitern sollte, wirft sie eine Frage auf, der wir uns stellen müssen: Wie wollen wir den Gemeinsinn erhalten, von dem unser Staatswesen lebt? Ich würde mir wünschen, dass Ihre Zeitung dieser Frage weiter nachgeht, anstatt sie vorschnell zu beantworten.
Hans-Peter Gämperli, Wattwil