Rezension: «Die Glaubwürdigkeitslücke» von Nadine Steiner

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Rezension: «Die Glaubwürdigkeitslücke» von Nadine Steiner

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Medienvertrauen397 kelime~4 dk5 soru

Dass das Vertrauen in die Medien erodiert, gehört inzwischen zu den Gemeinplätzen der Gegenwartsdiagnose. Umso verdienstvoller ist es, dass die Kommunikationswissenschaftlerin Nadine Steiner in ihrem neuen Buch «Die Glaubwürdigkeitslücke» der Versuchung widersteht, in den allgemeinen Abgesang einzustimmen. Stattdessen unternimmt sie den Versuch, ein vielschichtiges Phänomen auf empirischer Grundlage zu vermessen, und gelangt dabei zu Befunden, die manche liebgewonnene Annahme ins Wanken bringen. Das Buch ist in einer Zeit erschienen, in der Medienhäuser Stellen abbauen und die Politik über die Höhe der Rundfunkgebühren streitet.

Steiners zentrale These lautet, dass von einem allgemeinen Vertrauensverlust keine Rede sein könne. Gestützt auf Langzeitumfragen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zeigt sie, dass das Vertrauen in etablierte Nachrichtenmedien in weiten Teilen der Bevölkerung erstaunlich stabil geblieben sei. Verändert habe sich vielmehr die Verteilung: Einer grossen, weitgehend vertrauenden Mehrheit stehe eine kleinere, aber lautstarke Minderheit gegenüber, deren Misstrauen sich verfestigt und radikalisiert habe. Die eigentliche Herausforderung liege daher nicht in einem flächendeckenden Ansehensverlust, sondern in einer zunehmenden Polarisierung.

Besonders erhellend sind jene Kapitel, in denen die Autorin den Ursachen dieses Misstrauens nachgeht. Sie macht deutlich, dass es selten aus der Ablehnung einzelner Berichte erwächst, sondern mit einem umfassenderen Gefühl politischer Entfremdung einhergeht. Wer sich von Parteien, Behörden und Institutionen nicht vertreten fühle, übertrage diese Erfahrung auf die Medien, die er als Teil eines abgehobenen Systems wahrnehme. Steiner belegt dies mit eindrücklichen Interviewpassagen, die das Buch über weite Strecken lebendig und zugänglich machen. So schildert etwa ein pensionierter Werkmeister aus dem Emmental, wie er sich von der «Stadtpresse» zunehmend belehrt statt informiert fühle.

Weniger überzeugend gerät hingegen der abschliessende Teil, in dem die Autorin Empfehlungen für Redaktionen formuliert. Forderungen nach mehr Transparenz über journalistische Arbeitsweisen, nach einer stärkeren Präsenz in ländlichen Regionen und nach einer selbstkritischen Fehlerkultur sind zwar zweifellos berechtigt, aber kaum neu. Hier hätte man sich gewünscht, dass Steiner die analytische Schärfe, die die vorangehenden Kapitel auszeichnet, auch auf die Frage anwendet, unter welchen ökonomischen Bedingungen solche Reformen in einer Branche mit schrumpfenden Budgets überhaupt umsetzbar wären.

Ungeachtet dieser Einschränkung ist «Die Glaubwürdigkeitslücke» ein wichtiges und klug argumentierendes Buch, das gängigen Alarmismus durch differenzierte Analyse ersetzt. Es richtet sich an ein breites Publikum, ohne den wissenschaftlichen Anspruch preiszugeben, und dürfte insbesondere Medienschaffenden, die sich mit der Zukunft ihres Berufs auseinandersetzen, wertvolle Denkanstösse liefern. Wer verstehen will, warum ein Teil der Gesellschaft den Nachrichten nicht mehr glaubt, kommt an dieser Studie kaum vorbei.

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