In der Werkhalle der Schreinerei Vogt im aargauischen Lenzburg riecht es nach frisch gesägtem Eichenholz. Am hintersten Arbeitstisch beugt sich Yonas Tesfay über ein Schubladenelement, prüft mit dem Winkelmass die Kanten und korrigiert eine Fuge, die um einen halben Millimeter abweicht. Der 24-Jährige ist vor sechs Jahren aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet; heute steht er im dritten Lehrjahr und gilt, wie sein Lehrmeister betont, als einer der zuverlässigsten Lernenden, die der Betrieb je ausgebildet hat.
Dass Tesfay hier arbeitet, ist keineswegs selbstverständlich. Wie viele junge Geflüchtete kam er ohne anerkannten Schulabschluss und mit nur rudimentären Deutschkenntnissen an. Jahrelang galt für diese Gruppe, dass sie nach dem Asylentscheid in Sozialhilfestrukturen verharrte, weil der direkte Einstieg in eine Berufslehre an sprachlichen und schulischen Hürden scheiterte. Erst mit der sogenannten Integrationsvorlehre, die Bund und Kantone vor einigen Jahren lanciert haben, hat sich die Lage spürbar verändert. Das einjährige Programm verbindet Sprachunterricht, schulische Grundbildung und Praxistage in Betrieben und soll die Teilnehmenden gezielt auf eine reguläre Lehre vorbereiten.
Für Inhaber Markus Vogt war die Entscheidung, einen Lernenden aus der Vorlehre aufzunehmen, zunächst mit Unsicherheiten verbunden. «Ich habe mich gefragt, ob wir den Mehraufwand stemmen können», erinnert er sich. Tatsächlich habe es im ersten Jahr Momente gegeben, in denen Missverständnisse in der Werkstatt mehr Zeit kosteten als erwartet, und auch die Berufsschule habe zusätzliche Stützkurse organisieren müssen. Inzwischen überwiegen für ihn die Vorteile deutlich. Angesichts der Schwierigkeit, überhaupt Schulabgänger für das Handwerk zu begeistern, sei jeder motivierte Lernende ein Gewinn.
Die bisherigen Auswertungen geben dem Programm grundsätzlich recht. Ein beträchtlicher Teil der Absolventinnen und Absolventen findet im Anschluss eine Lehrstelle, wobei die Erfolgsquote je nach Kanton und Branche erheblich schwankt. Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass die Vorlehre nur dann ihre Wirkung entfalte, wenn die Begleitung nicht mit dem Lehrbeginn ende. Gerade im zweiten Lehrjahr, wenn der theoretische Stoff anspruchsvoller wird, komme es gehäuft zu Lehrabbrüchen. Mentoringprogramme, in denen pensionierte Berufsleute Lernende unterstützen, hätten sich hier als besonders wirksam erwiesen.
Auch Tesfay hatte einen solchen Mentor, einen ehemaligen Ingenieur, der ihm zweimal pro Woche bei den Hausaufgaben half und ihn auf die Prüfungen vorbereitete. «Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich aufgegeben», sagt er nüchtern. Im kommenden Sommer will er sein Fähigkeitszeugnis ablegen; danach möchte er im Betrieb bleiben und sich später zum Vorarbeiter weiterbilden. Ob sein Weg zum Modell für andere werden kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Betriebe bereit sind, anfängliche Mehrkosten als Investition zu begreifen – und ob die öffentliche Hand die Begleitstrukturen langfristig finanziert, statt sie nach einer Pilotphase wieder einzustellen.