Mit grossem Interesse, aber auch mit wachsendem Unbehagen habe ich Ihren Schwerpunkt zur Wohnungsnot in den Schweizer Städten gelesen. Ihr Beitrag zeichnet ein zutreffendes Bild der nackten Zahlen: eine Leerwohnungsziffer, die in Zürich seit Jahren unter einem halben Prozent liegt, Angebotsmieten, die schneller steigen als die Löhne, und Besichtigungstermine, zu denen sich Dutzende von Interessierten im Treppenhaus drängen. Was in Ihrer Darstellung jedoch zu kurz kommt, ist die Frage, wer unter dieser Entwicklung tatsächlich leidet und welche Folgen dies für das Zusammenleben in der Stadt hat.
Ich bin Pflegefachfrau, arbeite seit über zwanzig Jahren im Schichtdienst an einem städtischen Spital und habe bis vor kurzem in einer Genossenschaftswohnung im Kreis 4 gelebt. Nachdem die Siedlung einem Ersatzneubau weichen musste, habe ich monatelang vergeblich nach einer bezahlbaren Bleibe in der Stadt gesucht. Heute wohne ich im Zürcher Oberland und pendle täglich über eine Stunde – nach einem Nachtdienst eine Zumutung, die ich niemandem wünsche. Ähnlich ergeht es zahlreichen Kolleginnen, Polizisten, Busfahrern und Kita-Betreuerinnen, ohne die eine Stadt schlicht nicht funktioniert.
Ihr Autor vertritt die Auffassung, das Problem lasse sich in erster Linie durch eine konsequente Verdichtung lösen: Wer mehr baue, senke langfristig die Preise. Diese Logik mag volkswirtschaftlich einleuchten, sie greift jedoch zu kurz. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass gerade dort, wo verdichtet wurde, günstiger Altbestand durch hochpreisige Neubauten ersetzt worden ist. Mehr Wohnfläche bedeutet folglich nicht automatisch mehr bezahlbaren Wohnraum – im Gegenteil: Ohne flankierende Massnahmen verdrängt die Verdichtung genau jene Menschen, für die sie angeblich gedacht ist.
Ich plädiere deshalb nicht gegen das Bauen, wohl aber für klare Spielregeln. Die Stadt sollte bei Umzonungen einen verbindlichen Anteil an preisgünstigen Wohnungen einfordern, ihr Vorkaufsrecht konsequenter nutzen und gemeinnützige Bauträger gezielt fördern. Dass dies möglich ist, beweist Wien, wo ein grosser Teil der Bevölkerung in geförderten Wohnungen lebt, ohne dass die Stadt deswegen an Attraktivität eingebüsst hätte. Zudem wäre zu prüfen, ob Arbeitgeber im Gesundheitswesen nicht wieder vermehrt Personalwohnungen anbieten könnten, wie dies früher üblich war.
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass solche Eingriffe ihren Preis haben und auf Widerstand stossen werden. Doch eine Stadt, die sich nur noch Gutverdienende leisten können, verliert mehr als ihre soziale Durchmischung; sie gefährdet letztlich ihre eigene Grundversorgung. Ich würde mir wünschen, dass Ihre Zeitung in einer der nächsten Ausgaben auch jene zu Wort kommen lässt, die Zürich am Laufen halten, aber zunehmend von ausserhalb anreisen müssen.
Regula Brändli, Wetzikon