Die Glaziologin Andrea Fischbacher misst seit fünfzehn Jahren die Massenbilanz von Schweizer Gletschern. Im Gespräch erklärt sie, warum sie trotz alarmierender Daten nicht resigniert und was sie von der Politik erwartet.
Frau Fischbacher, der vergangene Sommer hat erneut Rekordwerte beim Eisverlust gebracht. Überrascht Sie das noch? – «Überrascht ist das falsche Wort. Die Entwicklung entspricht im Grossen und Ganzen dem, was die Modelle seit Jahren prognostizieren. Was mich jedoch beschäftigt, ist das Tempo, mit dem sich die Veränderungen vollziehen. Wir haben in zwei Jahren so viel Volumen verloren wie früher in einem Jahrzehnt. Manchmal habe ich den Eindruck, wir betrieben keine Forschung mehr, sondern dokumentierten ein Verschwinden.»
Lässt sich dieser Prozess überhaupt noch aufhalten? – «Für einen Grossteil der kleineren Gletscher kommt jede Massnahme zu spät; ihr Schicksal ist durch die bereits erfolgte Erwärmung besiegelt. Bei den grossen Talgletschern wie dem Aletsch hingegen macht es einen erheblichen Unterschied, ob die globale Erwärmung auf unter zwei Grad begrenzt wird oder nicht. Im günstigsten Szenario bliebe bis Ende des Jahrhunderts immerhin ein Drittel des heutigen Volumens erhalten. Es ist also keineswegs gleichgültig, was wir heute tun.»
Die Schweiz verursacht nur einen Bruchteil der weltweiten Emissionen. Kritiker sagen, nationale Anstrengungen seien deshalb symbolisch. – «Dieses Argument halte ich für bequem, aber nicht stichhaltig. Erstens liegt der Pro-Kopf-Ausstoss der Schweiz, rechnet man die importierten Güter mit ein, deutlich über dem globalen Durchschnitt. Zweitens kann ein wohlhabendes, technologisch fortgeschrittenes Land zeigen, dass Klimaschutz und Wohlstand vereinbar sind. Wer auf die anderen wartet, liefert ihnen zugleich den Vorwand, ebenfalls zu warten.»
Welche Folgen hat der Gletscherschwund für die Bevölkerung konkret? – «Sie sind vielfältiger, als man denkt. Die Gletscher wirken als Wasserspeicher, die in heissen Sommern die Flüsse speisen. Fällt dieser Puffer weg, geraten Landwirtschaft, Wasserkraft und sogar die Schifffahrt auf dem Rhein unter Druck. Hinzu kommen Naturgefahren: Auftauender Permafrost destabilisiert ganze Berghänge, wie mehrere Bergstürze der letzten Jahre gezeigt haben. Gemeinden in den Alpen müssen sich heute schon auf Szenarien vorbereiten, die vor zwanzig Jahren undenkbar schienen.»
Woher nehmen Sie angesichts dessen Ihre Motivation? – «Aus der Überzeugung, dass präzises Wissen die Voraussetzung für kluge Entscheidungen ist. Unsere Messreihen gehören zu den längsten der Welt, und sie werden international genutzt. Wenn ich sehe, dass Gemeinden auf unsere Daten zurückgreifen, um Schutzbauten zu planen oder Evakuierungskonzepte zu überarbeiten, weiss ich, dass sich die Arbeit lohnt.»