In der Schweiz werden Kinder in rund einem Drittel der Familien regelmässig von ihren Grosseltern betreut. Hochgerechnet leisten Grossmütter und Grossväter jedes Jahr über hundert Millionen unbezahlte Betreuungsstunden. Wir haben mit dem Soziologen Martin Hofer über dieses oft übersehene Engagement gesprochen.
Herr Hofer, warum spielen Grosseltern in der Schweiz eine so grosse Rolle? «Das hat vor allem mit den Kosten zu tun. Ein Krippenplatz kostet in vielen Städten über hundert Franken pro Tag, und subventionierte Plätze sind knapp. Wenn beide Eltern berufstätig sein wollen oder müssen, sind die Grosseltern oft die einzige bezahlbare Lösung. Hinzu kommt, dass viele von ihnen heute bei guter Gesundheit in Pension gehen.»
Profitieren beide Seiten davon? «Grundsätzlich ja. Studien zeigen, dass Grosseltern, die ihre Enkel betreuen, sich weniger einsam fühlen und geistig aktiver bleiben. Die Kinder wiederum bauen eine enge Bindung zu einer weiteren Bezugsperson auf. Allerdings darf man die Belastung nicht unterschätzen. Wer mit siebzig zwei Tage pro Woche ein Kleinkind betreut, stösst körperlich an Grenzen.»
Wo entstehen Konflikte? «Häufig bei Erziehungsfragen. Die Eltern haben klare Vorstellungen, etwa bei Süssigkeiten oder Bildschirmzeit, während die Grosseltern etwas grosszügiger sind. Solche Spannungen lassen sich meist entschärfen, wenn man offen darüber spricht, bevor sie eskalieren. Problematisch wird es, wenn sich Grosseltern verpflichtet fühlen und nicht Nein sagen können.»
Was müsste sich ändern? «Die Politik verlässt sich stillschweigend auf diese Gratisarbeit. Solange es zu wenig bezahlbare Betreuungsplätze gibt, bleibt die Wahlfreiheit der Familien eingeschränkt. Grosseltern sollten ihre Enkel hüten, weil sie es möchten – und nicht, weil es keine Alternative gibt.»