Die Schweiz ist stolz auf ihr Milizsystem. Gemeinderäte, Schulpflegen und viele Kommissionen werden nicht von Berufspolitikern besetzt, sondern von Bürgerinnen und Bürgern, die dieses Amt neben ihrer beruflichen Tätigkeit ausüben. Doch die Idee, auf der unsere Demokratie seit Generationen beruht, droht auszubluten – und es ist höchste Zeit, dies ernst zu nehmen.
In zahlreichen Gemeinden bleiben Sitze unbesetzt, weil sich schlicht niemand zur Wahl stellt. Das überrascht kaum. Die Aufgaben sind in den letzten Jahrzehnten deutlich komplexer geworden: Wer heute über Bauprojekte, Sozialhilfe oder Schulraumplanung entscheidet, muss sich in anspruchsvolle rechtliche Fragen einarbeiten. Gleichzeitig verlangen Arbeitgeber Flexibilität und volle Präsenz. Ein zeitaufwendiges Nebenamt passt da immer schlechter in einen Lebenslauf.
Hinzu kommt ein raueres Klima. Wer ein öffentliches Amt übernimmt, muss mit harscher Kritik rechnen, die in den sozialen Medien nicht selten in persönliche Angriffe umschlägt. Besonders Frauen berichten von beleidigenden Nachrichten, die weit über sachliche Auseinandersetzungen hinausgehen. Für eine bescheidene Entschädigung setzen sich immer weniger Menschen diesem Druck aus.
Man kann sich natürlich damit abfinden und Gemeinden zusammenlegen oder mehr Aufgaben an bezahlte Verwaltungsangestellte übertragen. Beides mag effizient sein, doch ginge damit verloren, was das Milizsystem ausmacht: die Nähe zwischen Politik und Bevölkerung und das Wissen aus dem Berufsalltag, das in die Entscheide einfliesst.
Deshalb braucht es konkrete Massnahmen. Arbeitgeber, die ihren Angestellten ein politisches Amt ermöglichen, sollten unterstützt werden. Die Entschädigungen müssen der tatsächlichen Arbeitsbelastung angepasst werden. Und wir alle sollten jenen, die sich engagieren, mit mehr Respekt begegnen, auch wenn wir ihre Entscheide nicht immer teilen. Das Milizsystem ist kein Selbstläufer – es lebt nur, solange wir bereit sind, etwas dafür zu tun.