Vor zwei Jahren war ich Spezialistin für Lohnabrechnungen in einem Steuerberatungsbüro in Basel. Mein Chef, ein älterer Steuerberater, war mit mir zufrieden, aber ich fand meine Tätigkeit langweilig. Jeden Morgen sass ich um sieben vor der Tastatur und tippte Zahlen, die niemand las.
Dann machte ich eine Umschulung. Mein Vater, der vierzig Jahre in einem grossen Unternehmen mit strenger Struktur gearbeitet hatte, hielt das für verrückt. „Eine unbefristete Stelle gibt man nicht auf“, sagte er.
Heute arbeite ich in einem Übersetzungsbüro, das für einen kleinen Verlag Romane übersetzt. Ein erfahrener Übersetzer hat mir am Anfang geholfen und mir später seine schwierigsten Texte übergeben. Ich bin für die Qualität verantwortlich und muss jede Seite zweimal überprüfen, bevor sie umgehend an den Kunden geht.
Perfekt ist es nicht. Die Vergütung ist niedriger als früher, und im Frühling fallen viele Überstunden an. Letztes Jahr habe ich meinen ganzen Urlaub in den Dezember gelegt, weil ich vorher keinen einzigen Urlaubstag frei bekam.
Trotzdem würde ich nie zurückwechseln. Meine frühere Nachbarin arbeitet in einer Fabrik, wo die Leute gerade streiken; ihr Streik dauert schon drei Wochen. Sie trägt eine Uniform, bedient Maschinen und lebt mit ständiger Unfallgefahr. Ich trage Verantwortung nur für Wörter. Ein Traumjob mit hohem Gehalt ist das nicht, aber es ist mein Beruf.