Im letzten Herbst haben meine Schwester Lena und ihr Mann sich scheiden lassen. Die Scheidung ging erstaunlich schnell, weil beide Partner keinen langen Streit wollten. Trotzdem war der Winter hart, denn im Januar ist auch noch unser Opa gestorben. Dass er so schnell sterben würde, hatte niemand erwartet.
Unsere Oma wohnt seit dem Frühling allein in dem grossen Haus in Thun. Sie sagt, sie kommt gut zurecht, aber wir wissen bis heute nicht, wer sich kümmern soll, wenn der nächste Winter kommt.
Erstaunlich ist, dass Lenas frühere Schwiegermutter jeden Sonntag anruft. Früher konnte sie stundenlang schimpfen, weil die Wohnung angeblich zu unordentlich war. Heute fragt sie nur noch, ob die Kinder gesund sind.
Meine Tante hat im April das alte Spielzeug vom Estrich geholt. Mein Neffe ist drei und spielt seitdem jeden Tag mit den Holztieren, das Mädchen ist erst sechs Monate alt und braucht noch Windeln. Alle in der Familie loben Lena dafür, wie ruhig sie geblieben ist.
Ich bin selbst seit zwölf Jahren verheiratet und weiss, wie schwer so ein Schnitt ist. Manche Leute im Dorf meinen, eine Frau muss ihrem Mann treu bleiben, egal was passiert. Ich sehe das anders: Lena ist vor allem sich selbst treu geblieben, und genau das würde ich meinen Kindern später auch wünschen.