Letzten Monat hat unser Stadtpräsident erklärt, dass er im Herbst zurücktreten will. Er war zwölf Jahre im Amt, und im Dorf konnten es viele zuerst gar nicht glauben. Als Grund nannte er seine Gesundheit.
Seitdem wird in jedem Café über die Nachfolge gesprochen. Zwei Kandidaten wollen das Amt: ein junger Lehrer aus unserem Quartier und eine Politikerin, die seit vier Jahren für den Kanton im Ständerat sitzt. Wenn sie gewinnt, hätten wir zum ersten Mal eine Stadtpräsidentin.
Im Wahlkampf geht es vor allem um eine alte Frage. Vor sechzig Jahren wurde unsere Gemeinde geteilt, und seither streiten die beiden Hälften über Schulen und Steuern. Die Politikerin möchte die zwei Teile wiedervereinigen, weil eine grössere Gemeinde günstiger arbeiten könnte. Der Lehrer meint dagegen, dass man nicht alles vereinigen muss, was einmal getrennt worden ist.
Viele Leute verfolgen die Debatte inzwischen auch im Internet, weil die Gemeinde jede Sitzung überträgt. Obwohl es meistens um Schulhäuser geht, sprachen beide Kandidaten am Dienstag über die Ukraine: Unsere Stadt hat dort eine Partnergemeinde, und im Winter wurden Generatoren und Medikamente geschickt.
Ich finde die Aufregung gut. Früher interessierten sich nur wenige für die Gemeindepolitik, heute kommen über zweihundert Leute in den Saal. Wen ich wähle, weiss ich noch nicht, aber abstimmen gehe ich bestimmt.