Mein Sohn Nico ist elf und geht in Winterthur in die sechste Klasse. Deutsch ist für ihn eine Zweitsprache, denn zu Hause sprechen wir Portugiesisch. Letztes Jahr hat er in der Grammatikprüfung nur einen Zweier geschrieben, und danach wollte er im Unterricht am liebsten gar nichts mehr sagen.
Sein Lieblingsfach ist das Zeichnen. Während die anderen Kinder in der Pause Fussball spielen, sitzt er mit dem Skizzenbuch am Fenster. Seine Zeichnungen hängen inzwischen im Flur der Schule, weil die Lehrerin sie so gut findet.
Im Frühling hat sie uns einen Vorschlag gemacht. In der Stadt gibt es einen Sprachkurs, in dem die Kinder Bilder und Sätze zuordnen müssen, und am Ende bekommt jeder Teilnehmer ein Zertifikat.
Nico war zuerst dagegen. «Das ist doch etwas für kleine Kinder», sagte er. Trotzdem ist er jeden Mittwoch hingegangen, am Anfang ziemlich unwillig, später sogar gern, weil er dort zum ersten Mal ohne Angst Fehler machen durfte.
Im Juni hat er das Zertifikat bekommen und es neben seine grosse Zeichnung von der Tramhaltestelle gehängt. Seine Note in Deutsch ist bis heute nicht besser geworden. Ich glaube aber, dass Kinder eine Sprache schneller lernen, wenn man sie nicht dauernd mit Noten misst.