Letzten Monat habe ich in der Ausgabe vom Samstag eine Annonce aufgegeben: altes Rennrad, 250 Franken. Ich schrieb ausschliesslich meine E-Mail-Adresse dazu, weil mein Akku ständig leer ist und ich Telefonate nicht mag.
Am Montag kam die erste Nachricht. Die Anrede war ein knappes „Hallo“, der Absender hiess „bikefan77“. Er behauptete, das Rad wäre höchstens 80 Franken wert, und wollte gleichzeitig eine genaue Auskunft über den Rahmen. Ich habe angenommen, dass er mich nur ärgern wollte.
Meine Antwort war nicht freundlich. Beleidigen wollte ich ihn eigentlich nicht, aber genau das habe ich getan. Ohne nachzudenken habe ich auf „Senden“ angeklickt und die Mail abgeschickt – leider an die falsche Person, nämlich an meinen Chef.
Am nächsten Morgen lief bei mir nur noch der Anrufbeantworter, auf dessen Ansage man meine müde Stimme hört. Mein Chef hat trotzdem angerufen und mich ganz normal begrüsst. Er sagte, meine Annahme über den Käufer wäre vielleicht falsch gewesen, und ein ausgewogener Bericht über beide Seiten fehle mir. Das musste ich der Abteilung später auch noch bekannt geben.
Am Abend habe ich mich mit „bikefan77“ eine halbe Stunde unterhalten. Er hat mir von seinem kaputten Rad berichtet; seine Absicht war nie ein Streit. Einerseits war mir alles peinlich, andererseits war es ein gutes Gespräch. Wir siezen uns immer noch, aber herzlich. Ich verkaufte das Rad für 200 Franken, dann haben wir uns verabschiedet. Was kann man sich mehr wünschen?