Im Bundesland Vorarlberg liegt ein Dorf, in dem sich vor zwanzig Jahren fast alle einig waren: Man wollte Familien aufnehmen, die vor einem Bürgerkrieg geflohen waren. Amira kam damals als Kind und arbeitet heute im Altenheim des Dorfes.
Im Februar wurde dort Geld aus einem Zimmer gestohlen. Eine Bewohnerin machte bei der Polizei eine Aussage und behauptete, dass Amira den Diebstahl begangen hat. Einen Beweis hatte sie nicht, trotzdem konnte ihre Geschichte das ganze Haus beeinflussen. Wer einmal als Dieb gilt, verliert sein Ansehen sehr schnell.
Kurz darauf begannen Fremde, Amira im Internet zu beschimpfen. Die Beschimpfungen waren so hart, dass die Polizei später von einer Beleidigung sprach. In einem anonymen Aufruf stand, das Altenheim darf niemanden mehr einstellen, der nicht hier geboren ist; ausserdem wollte man Amira aus dem Turnverein ausschliessen. Viele im Dorf fanden diese Stimmung bedenklich.
Amira nahm sich einen Anwalt. Er durfte die Nachtschwestern befragen und konnte beweisen, dass sie an diesem Abend gar nicht im Haus gewesen ist. Das Geld hatte ein Enkel der Bewohnerin genommen; ein Gericht wird ihn bestrafen, weil er auch zwei andere Gäste betrügen wollte.
Heute muss sich Amira zwingen, freundlich zu bleiben. Von der Meinung der Nachbarn will sie nicht mehr abhängig sein. Zwei ihrer Cousins planen die Auswanderung nach Kanada, und ich verstehe diese Auswanderer gut. Eine Bevölkerung, die zuerst redet und erst danach nachdenkt, verliert am Ende ihre besten Leute.