Meine Grossmutter Renate wohnt in Leipzig und spricht nicht gern über die Vergangenheit. Im Sommer 1979 wurde sie an der Grenze verhaftet, weil sie in den Westen wollte. Ein Gericht verurteilte sie zu zwei Jahren Haft und behandelte sie wie eine Verbrecherin.
Ein Verdacht hatte gereicht, mehr nicht. „Das war Unrecht“, sagt sie heute ganz ruhig. „Aber ich habe gelernt, wie man mit so etwas umgehen kann.“ Nach der Wiedervereinigung wurden zahlreiche Akten zugänglich, und sie las zum ersten Mal, wer sie damals angezeigt hatte.
Es war ein Nachbar aus demselben Haus, ein netter Mann mit Hut. Dieses Verhalten hat sie lange nicht verstanden. Ihr Verhältnis zu den alten Nachbarn ist bis heute kühl, obwohl sie niemanden mehr hasst.
Seit drei Jahren wohnt über ihr eine Ukrainerin mit zwei Kindern. Ohne die Vermittlung der Hausverwaltung hätten sich die beiden Frauen wohl nie kennengelernt. Heute kocht Olha ukrainische Suppe, und meine Grossmutter backt Stollen. Letztes Weihnachten haben sie zusammen gefeiert, und Renate hat dabei mehr erzählt als sonst in einem Jahr.
Bei der letzten Wahl ist sie zum ersten Mal seit Jahren wieder ins Wahllokal gegangen. „Weltweit werden Menschen eingesperrt, nur weil sie eine andere Meinung haben“, sagt sie. „Deshalb gehe ich hin, solange ich laufen kann.“