Der Ankündigungstext im Programmheft der Volkshochschule ist knapp: „Frei sprechen – ein Abend für alle, die mehr sagen wollen, als sie sich trauen.“ Diese Ankündigung hat überraschend viele Leute angezogen; vierzehn sitzen im Stuhlkreis, vom Lehrling bis zur Ärztin.
Kursleiter Jonas Brack beginnt nicht mit Regeln, sondern mit einer Anekdote aus dem eigenen Leben; danach ist jeder im Kreis an der Reihe. „Aha“, sagt er nach der dritten Geschichte, „Sie haben alle den spannendsten Aspekt zum Schluss versteckt.“
Die zweite Übung wirkt altmodisch. Auf einem Anrufbeantworter aus den Neunzigern spricht jeder eine Ansage von zwanzig Sekunden, die alle anschliessend gemeinsam abhören. Wer sich zum ersten Mal hört, erschrickt meist über die eigene Artikulation. Deutlich artikulieren könne jeder lernen, sagt Brack; artikuliert zu wirken, sei vor allem eine Frage der Übung.
Ein ganzer Abend gilt der Anrede. Ob „Liebe Alle“ in einer Firmenmail angemessen sei, wird lange diskutiert; selbst ein überflüssiger Apostroph fällt den Teilnehmenden auf. Mehr als andeuten will Brack seine eigene Meinung nicht, doch bei einigen modischen Abwandlungen wird er deutlich: Er könne nur abraten von Formeln, die man nie laut aussprechen würde.
Die Materialien kann man sich von der Kursseite herunterladen, genutzt wird das angeblich von der Hälfte. Angesichts der vollen Terminkalender wundert das niemanden. Trotzdem gilt der Kurs als anregend: Eine Teilnehmerin hat nach einer Anregung aus der Gruppe erstmals im Elternrat gesprochen.
Zum Schluss hält jeder eine kurze Ansprache. Dabei zeigt sich, welche Assoziationen ein einziges Wort auslöst: Mit „Heimat“ assoziieren die einen ein Dorf, die anderen einen Streit. Genau das soll die Gruppe animieren zu Sätzen, die ihr gehören, und dazu, heikle Themen offen ansprechen zu können. Um halb zehn sagt Brack „Adieu“, und vierzehn Leute gehen reden.