Als Jonas in Psychologie promovieren wollte, wählte er ein Thema, das sicher wirkte: Entscheiden Menschen unter Zeitdruck noch rational? Eine renommierte Zeitschrift hatte dazu einen vielzitierten Befund veröffentlicht, den seit Jahren niemand überprüft hatte.
Sein Plan war schlicht: die Studie mit derselben Präzision wiederholen, ohne jede Modifikation des Ablaufs. Dass ein Befund reproduzierbar sein muss, gehört zum ersten Semester und zur Philosophie des Fachs; die Reproduktion selbst aber gilt als undankbare Arbeit, die lange unter dem Radar lief.
Er scheiterte. Störfaktoren liessen sich neutralisieren, der Effekt jedoch verschwand. Erst ein modifiziertes Verfahren mit kleineren Gruppen brachte ihn zurück, in einer Proportion allerdings, die seiner Plausibilität kaum half. Ein halbes Jahr Arbeit endete in drei nüchternen Tabellen.
Die Autorin der Originalstudie antwortete kühl: Sein Querschnitt sei zu schmal, die Relation zwischen Stichprobe und Aussage stimme nicht. Dass ihr Effekt nachweislich existiere, habe sie mehrfach gezeigt. Was sich nicht quantifizieren lasse, sei ohnehin kein Gegenargument.
Sein Zweitbetreuer, ein Biologe, hörte die Geschichte mit einem Lächeln an. In seinem Fach reagiere ein Organismus nie identisch, doch Licht, Nahrung und die Regulation der Temperatur liessen sich kontrollieren; wer die Morphologie einer Pflanze messe, streite wenigstens nicht über Definitionen. Die Parallelität der Probleme sei dennoch grösser als gedacht.
Heute arbeitet Jonas qualitativ. Lange Interviews, ein narrativer Zugang, keine Prognose über ganze Gruppen. Zahlen könnten vieles nahelegen, sagt er, und seien doch oft nur eine Projektion der eigenen Erwartung. Die Rationalität, die man Menschen unter Druck abspricht, sei vielleicht bloss anders gebaut.