Der Direktor hat die Sitzung des Elternbeirats mit einem Satz eröffnet, der wie ein Diktat klang: In der Gegenwart werde an dieser Schule zu wenig geübt und zu viel geredet. Danach blieb es kurz still, dann sprachen alle gleichzeitig.
Zwei Mütter verlangten mehr Struktur. Ein Vater, Dozent für Informatik an der nahen Hochschule, widersprach: Er kenne den Hörsaal voller Studierender, die zwar eine Prüfung ablegen könnten, aber keine brauchbare Gliederung zustande brächten. Wichtiger als Drill sei die Entfaltung eines eigenen Denkens.
Ich unterrichte seit elf Jahren und finde beide Seiten nachvollziehbar. Meine Klassen sind heterogen: Einige lesen abends Fachartikel, andere haben ihr Heft seit Wochen nicht geöffnet. Wer sie deshalb faul nennt, macht es sich zu leicht; wer sie fleissig nennt, ebenso.
Nebenan läuft ein Integrationskurs, in dem ich vergangene Woche eine Hospitation gemacht habe. Die Lehrerin erklärt den Unterschied zwischen Imperativ und Indikativ an Sätzen aus dem Supermarkt, instruktiv und knapp, ohne jeden Exkurs in die Grammatiktheorie. Anspruchslos findet das dort niemand.
In meinem Fachbereich versuchen wir dasselbe. Wer eine Facharbeit schreibt, bekommt nicht eine Formelsammlung als einziges Hilfsmittel, sondern die Aufgabe, etwas vortragen zu können, was er selbst verstanden hat. Und wer merkt, dass seine Fragestellung nicht trägt, darf etwas abbrechen und neu beginnen; das gilt bei uns nicht als Niederlage.
Der Elternbeirat hat am Ende beschlossen, den Vorschlag zu ergänzen: eine Übungsstunde mehr, dafür ein Nachmittag für eigene Projekte. Diese Ergänzung ist ein Kompromiss, wie ihn niemand liebt und alle brauchen. Der Direktor nickte und zeigte sich, für seine Verhältnisse, erstaunlich einsichtig.