Als Lina sich im Juli für einen vierwöchigen Intensivkurs anmeldete, wollte sie vor allem den Stoff nachholen, den sie wegen einer langen Krankheit versäumt hatte. Ihr Notendurchschnitt war noch passabel, doch die letzte Klassenarbeit hatte gezeigt, dass ihre Kenntnisse oberflächlich geblieben waren.
Der Kursleiter, ein pensionierter Gymnasiallehrer, stellte am ersten Morgen klar, dass hier niemand bloss zuhören werde. Die Lehrveranstaltung sei interaktiv angelegt; wer nur mit dem Kuli mitschreibe, hebe sein Niveau nicht. Zu jedem Kapitel gab es eine Leitfrage, über die in kleinen Gruppen gestritten wurde.
Am meisten Mühe machte Lina die Literatur. Eine Parabel zu lesen ist das eine, sie zu interpretieren etwas ganz anderes. Ihre erste Interpretation sei blosses Nacherzählen, sagte der Kursleiter, und eine Paraphrase ersetze keine Deutung. Erst als sie verstand, dass die Mauer in der Geschichte eine Metapher für die Angst des Erzählers war, erschien ihr der Schluss logisch.
Mittags sass sie in der Mensa mit Kommilitonen aus dem Parallelkurs, die über den Konjunktiv klagten, und mit einer Nachbarin, die nebenbei Mathematik aufarbeitete. Alle sagten dasselbe: Wer nur am Wochenende lernt, kann in vier Wochen nicht mithalten. Weiter komme nur, wer kontinuierlich übt.
Als besonders lehrreich empfand sie die landeskundlichen Nachmittage, an denen alte Zeitungsartikel gelesen und die Dialekte der Region verglichen wurden. Dort merkte sie, dass Sprache mehr ist als Grammatik.
Die Klausur im September bestand sie ohne Glanz, aber sicher. Wichtiger sei ohnehin etwas anderes, meint sie heute: Sie habe gelernt, wie man Kenntnisse vertiefen kann, statt sie nur einzusammeln.