Liebe Nadia, Du wolltest wissen, was für ein Kurs mich seit September jeden Dienstag beschäftigt. Er heisst «Klartext», und vordergründig geht es um Rhetorik. In Wirklichkeit lernen wir, die Wahrheit nicht länger zu verhüllen.
Unsere Kursleiterin schreibt jede Woche eine Konstruktion an die Tafel. Letzte Woche stand dort «weder - noch». Damit sollten wir einen Konflikt beschreiben, den wir bisher verheimlichen wollten. Verständlicherweise schwieg die Gruppe zuerst; niemand musste mitmachen, jeder durfte sich weigern, den eigenen Fall zu nennen.
Dann erzählte ein Mann aus Chur von seinem Chef, der ihm vorwerfen konnte, unpünktlich zu sein, obwohl der eigentliche Vorwurf ein ganz anderer war. Die Pünktlichkeit sei nur ein Vorwand gewesen, sagte er und konnte dabei nur die Arme verschränken. Was für ein Abend.
Die Kursleiterin wollte das veranschaulichen und zeichnete zwei Kreise, die mit einem dicken Strich verknüpft waren: Kritik und Drohung. Wer beides verknüpfen wolle, sagte sie, erzeuge Verwirrung. Solche Sätze können verwirren, ohne dass jemand lügt.
Um das zu verdeutlichen, liess sie uns die Beispiele umschreiben. Wir verstehen unter Klartext offenbar nicht dasselbe: Die einen meinen Verständlichkeit, die anderen vorzugsweise Härte, und ein vermeintlich ehrlicher Ton wird schnell vulgär. Man solle deshalb nicht verallgemeinern, warnte sie und lächelte vielsagend.
Nach dem Kurs wollte ich mich im Sekretariat anmelden, hatte aber die falsche Vorwahl gewählt und musste eine fremde Frau um Verzeihung bitten. Im Dezember endet alles, und die Gruppe will sich verabschieden, ohne Adressen zu tauschen. Schade eigentlich. Herzlich, Deine Lea