Jeden Donnerstagabend trifft sich im alten Physikgebäude ein Kolloquium, zu dem alle Fakultäten eingeladen sind. Diesmal stellt Marek Dubois seine Messungen vor. In einem Fallturm werden die Proben für wenige Sekunden schwerelos, und ein Sensor zeichnet auf, wie sich eine zähe Substanz in dieser Zeit verformt.
Die Sequenz der Aufnahmen wirkt zunächst unspektakulär. Erst die Rückkopplung zwischen Temperatur und Druck, erklärt Dubois, mache den Unterschied signifikant. Seine Schlussfolgerung klingt vorsichtig, ist aber weitreichend: Das Modell, das seit Jahren in den Lehrbüchern steht, beschreibe nur den einfachsten Fall.
Dann meldet sich Ilona Brenner, Linguistin. Ihr Einwand betrifft nicht die Zahlen, sondern die Terminologie. „Sie verwenden drei Wörter für dasselbe Phänomen und behandeln das als Synonymie. Ihre Beschreibung ist unpräzise, und Ihre temporalen Angaben bleiben uneindeutig: Heisst ‚kurz darauf‘ nun zehn Millisekunden oder zwei?“
Dubois wirkt getroffen, nennt den Einwand dann aber scharfsinnig. Eine Kollegin aus der Theologie ergänzt, auch in ihrem Fach werde vieles behauptet, was sich kaum untermauern lasse; dort halte allerdings niemand eine These schon deshalb für revolutionär, weil sie neu klinge.
Solche Abende haben die Tendenz, ins Grundsätzliche abzugleiten. Brenner warnt dennoch davor, die sprachliche Frage als sekundär zu verdrängen. Eine solche Verdrängung räche sich später, wenn eine Behauptung zwar durch Daten untermauert, zugleich aber so subjektiv formuliert sei, dass niemand sie nachprüfen könne. Dass daraus Streit resultieren könne, sei alles andere als unwahrscheinlich.
Am Ende verspricht Dubois, seine Definitionen zu verfeinern. Eine solche Verfeinerung koste Wochen und bringe keinen einzigen neuen Messwert, sagt er. Brenner nickt: Genau deshalb unterbleibe sie fast immer.