Als Mirjam ihren Zwischenbericht in der Fakultät vorstellte, rechnete sie mit Lob. Stattdessen schob ihr Betreuer die Mappe beiseite: Die Studie wirke fragmentarisch, viele Einzelbefunde, aber kein Gesamtbild, das man einer Kommission zumuten könne.
Ihre Fragestellung war ehrgeizig: Wie verändern sich Dialektgrenzen über zweihundert Jahre? Um das zu beantworten, wollte sie historische Sprachkarten und heutige Tonaufnahmen gegenüberstellen und daraus eine Regel herleiten. Die Genese einer solchen Grenze, vermutete sie, verlaufe evolutionär, in langsamen Schüben.
Monatelang hatte sie experimentieren dürfen: mit Mikrofonen, mit Messsoftware, sogar mit einem Generator, der das Kellerstudio versorgte, wenn der Strom ausfiel. Die Genauigkeit ihrer Messungen bestritt niemand. Nur blieb offen, was aus den Zahlen eigentlich hervorgehen sollte.
Der Betreuer riet ihr, den Blick zu fokussieren. Statt alle Regionen zu generalisieren, solle sie zwei Täler wählen, deren Sprachgemeinschaften weder homogen seien noch je eine Homogenisierung erlebt hätten. Gerade die fehlende Homogenität mache den Fall funktional für die Theorie.
Zudem müsse sie mehr Fachliteratur heranziehen. Eine Vermutung, die nur hypothetisch im Raum stehe, wirke schnell implausibel; ein Modell ohne Fundierung sei kaum mehr als eine imaginäre Landschaft. Drei Aufsätze aus den Siebzigerjahren, die niemand mehr zitiere, hätten ihr Problem bereits beschrieben.
Mirjam brauchte eine Woche, um den Ärger zu verdauen. Dann begann sie neu: eine Grafik, die beide Täler nebeneinander zeigt, eine saubere Herausarbeitung der Unterschiede, und erst am Schluss die Folgerung. Der alte Zwischenbericht liegt in einer Schublade; weggeworfen hat sie ihn nicht. Wer eine These fundieren will, sagt sie heute, muss sie zuerst kleiner machen.