In vielen Demokratien bildet die Mehrheit eine Regierung, und die Minderheit geht in die Opposition. Die Schweiz macht es anders: Im Bundesrat sitzen Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Parteien, die sich im Wahlkampf bekämpft haben.
Dieses Konkordanzsystem hat eine klare Logik. Wer ständig mit Referenden rechnen muss, braucht breite Mehrheiten, bevor ein Gesetz überhaupt beschlossen wird. Also werden die möglichen Gegner schon in der Regierung an den Tisch geholt.
Die Folge ist ein besonderer Stil. Entscheide fallen in langen Verfahren, Kompromisse sind detailliert, und eine Reform wird oft in Teile zerlegt, damit jeder Teil eine Mehrheit findet. Grosse Wechsel geschehen selten; kleine Korrekturen ständig.
Kritik daran ist nicht neu. Verantwortung verteilt sich so weit, dass niemand sie trägt. Wer soll abgewählt werden, wenn alle mitregieren? Und wenn eine Frage wirklich grundsätzlich ist, verschwindet sie in einem Kompromiss, der niemanden überzeugt.
Dennoch hält sich das System, und ein Grund liegt in der Erfahrung. Konflikte, die andere Länder über Regierungswechsel austragen, werden hier über Sachfragen ausgetragen. Das ist langsamer, aber es hinterlässt weniger Sieger und weniger Verlierer.
Ob dieser Stil hält, ist offen. Wenn Parteien einander ausschliessen und öffentlich schärfer auftreten, wird das Modell schwieriger. Konkordanz ist nämlich keine Regel, sondern eine Übung, die man täglich üben muss.