Als Lena im August in die Wohngemeinschaft an der Rosenstrasse zog, hatte sie sich das Zusammenleben deutlich romantischer vorgestellt. Vier Bewohner, eine grosse Küche, ein Balkon über dem Hof – das klang nach einem Zuhause und nicht bloss nach einer Adresse, die man zwei Semester lang erträgt.
Die Ernüchterung kam über die Wäsche. Im Keller hing ein Plan, nach dem jeder einen festen Waschtag hatte, doch daran gehalten hat sich niemand. Wer am Dienstagabend hinunterging, fand die Maschine belegt, ein fremdes Waschmittel offen auf dem Deckel und feuchte Hemden, die seit Tagen keiner geholt hatte.
Noch heikler war das WC, denn es gab im ganzen Stockwerk nur eines. Jede Verzögerung am Morgen wurde zum kleinen Politikum, und die Frage, wer es putzt, blieb monatelang unbeantwortet. Lena schrieb Listen, die nach zwei Wochen von der Wand fielen und nicht wieder aufgehängt wurden.
Im Februar änderte sich das. Eine Wasserleitung im Stock über ihnen brach, und binnen einer Stunde stand das Wasser knöchelhoch im Flur. Plötzlich trug jeder Kisten in den Hof, telefonierte mit der Verwaltung oder kochte Tee für die Nachbarin, deren Zimmer es noch schlimmer erwischt hatte.
Insofern war ausgerechnet der Schaden die Rettung. Wer eine halbe Nacht lang gemeinsam Wasser aufgewischt hat, streitet danach anders über Waschtage. Die Listen kehrten zurück, diesmal freiwillig, und die Küche blieb erstaunlich lange in einem Zustand, den man ohne Übertreibung sauber nennen konnte.
Zwei der vier zügeln im Frühling trotzdem in eigene Wohnungen. Das sei kein Scheitern, sagt Lena, sondern der normale Lauf der Dinge: Ein Zuhause auf Zeit bleibe eben eines auf Zeit. Vermissen werde sie es dennoch, und zwar schon bevor der erste Kartonstapel im Treppenhaus steht.