Im Labor für Spracherwerb hängt ein Satz an der Tür: „Ein Befund ist kein Beweis.“ Wer hier arbeitet, kennt den Impuls, aus einer schönen Kurve sofort eine Geschichte zu machen.
Die Kernthese der Leiterin, einer Professorin für Linguistik, lautet: Zweisprachige Kinder lernen nicht langsamer, sie lernen anders. Ihr Team lässt Vierjährige Bildkarten klassifizieren und misst, wie lange sie zögern, wenn zwei Sprachen dasselbe Merkmal verschieden benennen.
Die Interferenz zwischen beiden Systemen gilt im Alltag als Fehler. Im Labor erscheint sie als Leistung: Das Kind muss die eine Sprache hemmen, um die andere zu sprechen, und diese kognitive Kontrolle wächst kumulativ. Die Intensität des Kontakts zählt dabei mehr als die blosse Stundenzahl.
Nicht alle teilen die Deutung. Ein Kollege wendet ein, man könne dieselben Daten ebenso gut anders konstruieren; ein kausaler Schluss von der Zweisprachigkeit auf die Intelligenz sei unzulässig, zumal der soziale Kontext der Familien nie kongruent sei.
Die Leiterin nimmt den Einwand ernst. Ihre Methodik hat sie deshalb mehrfach geändert: Störgrössen minimieren, jede Sitzung methodisch protokollieren. Der Lernverlauf, sagt sie, sei ohnehin nicht linear, sondern mehrdimensional; wer ihn auf eine einzige Achse presst, verliert ihn.
Im Frühjahr will das Team die Rohdaten von acht Jahren zu einem Datensatz kompilieren und die Befunde auf zwanzig Seiten kondensieren. Erste Auswertungen wirken konvergent; ein Teilbefund allerdings verläuft invers: je später der Erstkontakt, desto geringer der Effekt.
Was in keiner Tabelle steht, sehen die Mitarbeiter täglich: die Interaktion am Basteltisch, das mimetische Nachsprechen, mit dem Kinder Tonfall und Geste kopieren — kognitiv weit anspruchsvoller, als es aussieht. Statt von Mischmasch spricht man hier deshalb von Sprachwechsel, einem bewusst meliorativ gewählten Wort.