Wer heute Nachrichten liest, wählt selten eine Zeitung und dann einen Artikel. Meistens erscheint ein Beitrag in einem Verlauf, den ein System zusammenstellt. Diese Auswahl ersetzt eine Aufgabe, die früher eine Redaktion erledigte, ohne sie zu übernehmen.
Der Unterschied liegt im Kriterium. Eine Redaktion entscheidet, was wichtig ist, und muss ihre Entscheidung verantworten. Ein System optimiert, was Aufmerksamkeit erzeugt, weil daran sein Geschäft hängt. Beide Kriterien überschneiden sich manchmal – aber eben nur manchmal.
Daraus folgt eine berechenbare Verzerrung. Beiträge, die Empörung, Angst oder Zustimmung auslösen, verbreiten sich besser als Beiträge, die eine Lage erklären. Wer die Welt über einen solchen Verlauf betrachtet, hält sie für aufgeregter, als sie ist.
Vorgeschlagen werden Eingriffe unterschiedlicher Tiefe. Transparenz über die Kriterien, die Möglichkeit, einen zeitlich sortierten Verlauf zu wählen, Grenzen für politische Werbung, Prüfpflichten für sehr grosse Plattformen. Einiges davon ist in Europa inzwischen Gesetz.
Auf persönlicher Ebene wirkt eine einfache Umstellung. Wer zwei Quellen bewusst auswählt und diese einmal täglich liest, erhält eine andere Übersicht als jemand, der zwanzigmal täglich in einen Verlauf schaut, den er nicht ausgesucht hat.
Nachrichten sind keine Ware wie andere, weil sie beschreiben, worüber später abgestimmt wird. Wer die Auswahl vollständig einem System überlässt, das nach Aufmerksamkeit optimiert, überlässt ihm einen Teil der öffentlichen Debatte.