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Der Kalender als Vertrauensfrage

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Der Kalender als Vertrauensfrage

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Vorgestern habe ich um Viertel vor sieben am Bahnhof gewartet, eine halbe Stunde lang, im Nieselregen. Der Treffpunkt stand seit drei Wochen fest. Um sieben kam die Nachricht: „Schaffe es heute doch nicht, verschieben wir es auf ein andermal.“

Mit jemandem verabredet sein heisst für mich, dass beide diesen Abend freihalten. Offenbar sehe ich das enger als der Rest meines Freundeskreises. Gestern habe ich in der Mittagspause herumgefragt, und die Antwort war jeweils dieselbe: Wer einen Abend drei Wochen im Voraus festsetzen wolle, mache aus der Freizeit eine zweite Arbeitsstelle.

Jemandem absagen kostet heute zwei Sekunden und ein Emoji. Früher musste man anrufen und die Stimme des Enttäuschten aushalten; allerdings überlegte man sich die Sache dann auch zweimal. Die Technik hat das Absagen nicht erfunden, sie hat es nur billig gemacht.

Natürlich gibt es Gründe: ein krankes Kind, ein Zug, der ausfällt. Dagegen hilft kein Kalender. Wer aber im letzten Augenblick abspringt, weil ihm ein anderes Angebot lieber ist, stellt eine Rangliste auf und teilt sie öffentlich mit. Seitdem mir das so klar geworden ist, reagiere ich empfindlicher, als mir lieb wäre.

Vorige Woche habe ich es anders versucht. Ich schrieb: „Übermorgen, Viertel vor acht, beim Brunnen. Ich werde da sein, auch wenn sonst niemand kommt.“ Zwei haben geantwortet, sie würden einen späteren Termin vorziehen; voraussichtlich sind wir also zu dritt. Was die übrigen vorhaben, weiss ich bis jetzt nicht.

Pünktlich zu sein ist längst keine Tugend mehr, sondern ein Angebot. Man kann vieles abmachen: die Uhrzeit, den Ort, wer am Ende zahlt. Nur eines lässt sich nicht abmachen, nämlich wie wichtig man einander ist. Das zeigt sich erst, wenn es regnet und einer trotzdem dasteht.

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