In der Werkstatt des Museums steht eine griechische Vase in dreiundzwanzig Teilen. Yasmin Berg arbeitet seit sechs Monaten daran. Zuerst kam das Vorbad, in dem die Salze aus dem Ton gezogen wurden; die Lösung darf dabei nicht zu sauer sein, sonst nimmt die Oberfläche Schaden.
Erst danach folgt die Verkittung der Scherben, Millimeter für Millimeter. Auf dem Fries erzählt die Vase eine Szene aus der Mythologie; der strenge Parallelismus der erhobenen Arme lässt sich auch nach zweitausend Jahren erkennen. Besucher dürfen sich vorbeugen, anfassen dürfen sie nichts.
Berg führt daneben Kurse für Jugendliche. Die Namen der Götter merken sich die Teilnehmenden über eine einfache Mnemotechnik, und den Beginn jeder Stunde will sie ritualisieren: zehn Minuten schauen, nicht reden. Auf dem Fenstersims verwelken die Blumen der letzten Klasse; über neue kann Berg sich freuen wie ein Kind.
Seit die Geschichte des Fundes verfilmt wurde, diskutiert das Netz über die Vase. Die einen nennen die Museumspolitik zentralistisch, weil alle Funde in die Hauptstadt wandern; die anderen benutzen das Wort Provinz pejorativ. Was als Streit beginnt, endet oft in Rechthaberei, die sich hinter Redseligkeit versteckt.
Berg moderiert die Kommentare selbst. Eine Radikalisierung des Tons sei dort an einem einzigen Abend zu beobachten, sagt sie; nach Mitternacht werde die Stimmung nihilistisch, als sei ohnehin alles verloren. Beiträge, die Menschen angreifen, muss sie zurückweisen, Meinungen nicht.
Ihre Antwort darauf klingt altmodisch. Wer etwas zusammensetzen wolle, brauche dieselbe Sensibilität wie im Gespräch: langsam, prüfend, mitfühlend. Mitgefühl sei keine Schwäche, sondern eine Technik, die man üben könne — an Scherben wie an Menschen.