Ein erheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung hat Mühe, einen Fahrplan, eine Packungsbeilage oder einen Brief einer Behörde zu verstehen. Die meisten Betroffenen sind hier zur Schule gegangen und sprechen die Landessprache fliessend.
Diese Schwäche bleibt oft jahrzehntelang verborgen. Man entwickelt Umwege: Man vergisst die Brille, lässt die Partnerin Formulare ausfüllen, wählt Berufe mit wenig Schriftlichkeit. Solange die Arbeit stabil ist, funktioniert das.
Brüchig wird es bei Veränderungen. Eine Umstellung auf digitale Formulare, ein Wechsel der Stelle, ein Kind, das Hausaufgaben mitbringt: Plötzlich ist Lesen unvermeidlich, und Scham verhindert den ersten Schritt zur Hilfe.
Kurse für Grundkompetenzen sind vorhanden, oft günstig oder gratis, und sie sind erstaunlich wenig bekannt. Wirksam ist, wenn ein Betrieb solche Kurse anbietet, weil dann die Hürde entfällt, sich selbst zu melden.
Auf der anderen Seite steht die Verantwortung der Absender. Ein Brief mit kurzen Sätzen, aktiven Verben und einer klaren Aufforderung wird von deutlich mehr Menschen verstanden. Mehrere Verwaltungen haben ihre Standardbriefe darum überarbeitet – und weniger Rückfragen erhalten.
Lesen ist eine Fähigkeit, die man verliert, wenn man sie nicht braucht, und wiedergewinnt, wenn man sie übt. Was fehlt, ist selten die Fähigkeit zu lernen. Es fehlt ein Anlass, der ohne Beschämung auskommt.