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Der Hirt und die Prognose

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Der Hirt und die Prognose

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Natur282 kelime~3 dk4 soru

Wer im Frühling auf die Alp zieht, muss zuerst lernen, den Himmel zu lesen. Gian Battista Camenisch, seit dreissig Jahren Hirt in einem Seitental Graubündens, treibt sein Vieh Ende Mai auf die Wiesen oberhalb des Dorfes. Der Weg dorthin ist steil, und die obersten Weiden liegen manchmal bis in den Juni hinein verschneit da.

Früher, erzählt er, habe man den Wetterbericht kaum gebraucht. Man beobachtete, wie die Wolken über den Grat zogen, ob es windig wurde und ob der Wind aus dem Westen kam oder aus dem Süden. Heute liest Camenisch die Prognose zweimal täglich auf dem Handy, allerdings ohne ihr blind zu vertrauen.

Was die Modelle vorhersagen, gilt nämlich für das Tal und nicht für seinen Hang. Die südlich ausgerichteten Flächen trocknen inzwischen so rasch aus, dass das Gras im Hochsommer trocken und hart wird; die östlich gelegenen Mulden dagegen bleiben wochenlang feucht. Ein Sturm, der unten im Flachland kaum auffällt, kann hier oben in einer halben Stunde eine Herde auseinandertreiben.

Verändert habe sich vor allem der Winter. Eine warme Strömung vom Mittelmeer her bringe Regen, wo früher Schnee lag; das Schmelzwasser reisse die Wege auf, die ohnehin schwer zu unterhalten seien. Zwei Wochen im Jahr sei die Alp für Fahrzeuge schlicht unzugänglich.

Dennoch spricht Camenisch nicht vom Aufhören. In der Felswand über der obersten Wiese brütet seit Jahren ein Weibchen des Steinadlers, und solange es zurückkomme, komme auch er zurück. Man müsse die Tiere einfach früher hinauftreiben und später wieder ins Tal holen als der Grossvater.

Die Behörden empfehlen, die Wasserversorgung der Alpbetriebe auszubauen. Camenisch zuckt die Schultern: Empfehlungen seien leicht geschrieben. Wer oben stehe, entscheide am Ende selbst, und zwar morgens, wenn die erste Wolke über den Kamm kippt.

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