Nach über hundert Jahren Abwesenheit leben wieder Wölfe in den Alpen. Sie sind nicht angesiedelt worden, sondern selber eingewandert, weil sie in Europa unter Schutz stehen und Beute finden.
Für die Alpwirtschaft bedeutet das eine reale Veränderung. Schafe, die über Jahrzehnte ohne Aufsicht auf einer Weide standen, sind ungeschützt. Herdenschutz mit Zäunen und Hunden funktioniert, kostet aber Arbeit, Geld und ist in steilem Gelände manchmal kaum möglich.
Die Debatte wird emotional geführt, und beide Seiten arbeiten mit Zahlen. Gemessen an der Gesamtzahl der Tiere sind die Verluste durch Wölfe klein. Für den einzelnen Betrieb, der zwanzig Schafe verliert, ist dieser Vergleich kein Trost.
Rechtlich ist der Rahmen inzwischen beweglicher. Rudel dürfen unter Bedingungen reguliert werden, wenn Schäden auftreten und Herdenschutz umgesetzt wurde. Die Kontroverse verlagert sich damit auf die Frage, wie streng diese Bedingungen geprüft werden.
Ökologisch ist der Wolf mehr als ein Problemfall. Wo grosse Beutegreifer fehlen, wachsen Hirschbestände, die junge Bäume fressen und damit den Schutzwald schwächen – jenen Wald, der Dörfer vor Lawinen bewahrt.
Vermutlich geht es am Ende nicht um Wolf oder Weide, sondern um die Bereitschaft, eine Landwirtschaft zu finanzieren, die unter neuen Bedingungen arbeitet. Das ist teurer als eine Abstimmung über ein Tier.